Es war wieder einer dieser kalten Nächte, die mich in Kondenswasser erwachen ließen. Mein Schlafsack war wieder nass von außen, meine Motivation auszustehen schwand zusehends. Als ich mich dann aufrappelte und meinen Essenssack holen ging, schmerzte mir auch noch der Kopf. Wie als wolle er sagen: ‚Leg dich wieder hin, Junge!‘. Doch das war nun mal nicht drin. Wir hatten den Mather Pass vor uns, von dem ich bereits Horrorstorys gehört hatte.
Wir kamen recht schnell an die Stelle, an der wir den South Fork Kings River überqueren konnten. Dort spaltete er sich in mehrere Ströme auf, bevor er flussabwärts zu dem Ungeheuer zusammenschmolz, dass Leben fordern konnte. Ich hatte keine Lust auf nasse Schuhe und stundenlang kalte Füße am frühen Morgen, deshalb versuchte ich es wieder barfuß, während Zero mit Schuhen vorausging. Ich wählte den Weg des Schmerzes, wie mir bald bewusst wurde.

Das Gras war schon kalt, denn der Tau kühlte meine Füße extrem ab. Doch als ich den ersten der vier oder fünf Ströme durchquerte, schrien meine Nervenenden förmlich auf. Es war so eisig, dass es sich schon nach Hitze anfühlte. Als ich die erste grasbewachsene Stelle erreichte, musste ich mich auf den Rücken werfen und meine tauben Füße in die Luft strecken. Das sah mit Sicherheit seltsam aus, doch für mich war es alles andere als spaßig. Die Schmerzen ließen nur langsam nach und schienen vor allem nachzubrennen. Diese Folter ging dann noch ein paar endlose Minuten so weiter. Als ich es endlich auf die andere Seite schaffte, merkte ich, dass ich mein Handy nicht mehr hatte. Glücklicherweise sah ich es auf einer der Grasinseln umgedreht liegen, mit der hellen Seite nach oben. Zero holte es mir, ich hatte derweil noch mit der Reanimierung meiner Füße zu tun.
Dann ging es für uns himmelwärts zum Mather Pass. Zwischendurch kamen wieder ein paar Flüsse, die wir überqueren mussten. Dadurch ging uns eine Menge wertvoller Zeit flöten. Der steinige Weg, der uns irgendwann geradewegs auf den Pass zuführte, war wirklich filmreif, wie eine Panoramastraße schlängelte er sich an verschneiten Bergen vorbei.



Kurz vor dem Aufstieg machten wir Bekanntschaft mit einem jungen Mann, der nicht wusste, wo der Trail zu finden sei. Dave aus Texas. Sein Handy hatte er unglücklicherweise verloren und so irrte er bereits stundenlang durch die Gegend auf der Suche nach dem Trail. Er schloss sich uns bereitwillig an und so machten wir uns zu dritt auf den Weg. Der PCT war unter dem ganzen Schnee selbst für uns nicht leicht zu finden. Doch dann fanden wir schließlich eine Route über Schneefelder, die uns den Pass hinauf brachte. Der Weg war nach den ersten paar weißen Feldern schneefrei, doch als wir dem Ende immer näher kamen, verstand ich plötzlich, wovor uns die Leute warnten. Immer wenn der Pfad eine scharfe Rechtskurve machte, um uns weiter nach oben zu führen, verdeckten massive Schneeschichten diese Stellen. Der steile Aufstieg auf dem Schnee (um wieder auf ein Stück schneefreien Trail darüber zu gelangen) war beängstigend und mein Tritt alles andere als sicher. Ich versuchte nicht so stark an den Abgrund unter mir zu denken, während ich Schritt für Schritt voranging.

Die vorletzte schwierige Stelle erwies sich dann als das Grauen, dass ich schon erahnt hatte. Wir entschieden, dass uns der Weg über den Schnee zu gefährlich war und kletterten nacheinander (wir wollten keinen Steinschlag riskieren) auf losem Geröll aufwärts. Zero hatte etwas Panik und ich sprach ihm gut zu, um ihn aufzumuntern. Es war, wie so vieles, reine Kopfsache.

Irgendwann standen wir auch auf dem Pass und waren überglücklich, dass wir es geschafft hatten. Auf der Nordseite lag um einiges mehr an Schnee. Als wir wieder einen dieser zahlreichen Ströme überquerten, merkte ich aufeinmal, wie stark er mich wegdrückte. Das Wasser reichte mir bis zur Hüfte. Dave reichte mir seine Hand. Ich ergriff sie dankbar und er zog mich aus dem reißenden Strom. Als ich herauskam, merkte ich, dass ich einem Bein blutete. Vermutlich ein Stein.






Die Landschaft war wundervoll, mit all ihren Seen und herabstürzenden Bächen. Und als wir die sogenannten Goldenen Treppen (‚golden staircase‘) erreichten, tat sich vor uns ein gewaltiges Bergmassiv auf. Die nicht enden wollenden Treppen stressten meine Knie, bis sie leicht schmerzten. Doch die Aussicht machte das mehr als wett.






Der Wald im Tal war regelrecht verwüstet. Überall umgestürzte Bäume, Schlamm und Umwege, die wir nehmen mussten. Doch wir kamen endlich völlig erschöpft an einem Platz an, an dem ein Vater mit ihrer zwölf jährigen Tochter an einem Lagerfeuer saß. Sie erzählten uns, dass sie den JMT in Richtung Süden wanderten. Wir hatten noch einen schönen Abend zu fünft und tauschten Geschichten beim Essen aus. Bevor es dunkel wurde, kam noch ein neugieriges Reh vorbei, um uns gute Nacht zu wünschen. 🙂



