Tag 120

Die ganze Nacht über prasselte Regen gegen mein Zelt. Das Geräusch der abprallenden Tropfen brachte mich immer wieder um meinen Schlaf. Als ich mich morgens auf den Weg machte, fühlte ich mich sehr übermüdet und fror an der kalten Luft. Grau und regenschwer hingen die Wolken über den Bergen, jederzeit bereit sich zu erleichtern. Trotz der düsteren Stimmung hatte diese verregnete Natur ihren ganz eigenen Charme.

Ich erlebte den Norden Amerikas in einem nicht enden wollenden Roman aus Nässe. Ich war kaum eine halbe Stunde unterwegs, da setzte die nächste Regenphase ein. Der Trail verwandelte sich in einen Pfad aus Wasser und Schlamm. Meine Schuhe und Socken waren innerhalb von Minuten komplett durchnässt. Die anhaltende Kälte ließ meine Zehen langsam gefühllos werden. Ich fluchte. Meine Moral war im Keller angelangt. Ich wusste nicht, wie ich diesen Tag heil überstehen sollte. Rückblickend betrachtet war dieser kalte Septembertag irgendwo in den Kaskaden Washingtons meine härteste Prüfung der gesamten Reise gewesen.

Schritt für Schritt bahnte ich mir meinen Weg durch die dunklen Wälder. Dichter, weißer Nebel zog in geisterhaften Schwaden durch die Landschaft. Immer wieder trat ich in Pfützen und jedes Mal drang erneut Wasser in meine Schuhe ein. Mit der Zeit machte sich in mir totale Gleichgültigkeit breit, ich war ohnehin schon komplett nass. An dieser Tatsache konnte selbst meine Regenjacke nichts mehr ändern.

Das stetige Auf- und wieder Absteigen zehrte meine Kraftreserven beinah vollends auf. Hinzu kam noch der Wärmeverlust, den mein Körper nur mit äußerster Mühe kompensieren konnte. Aus verschiedenen Gründen entschied ich mich gegen ein Mittagessen. Aufgrund der ständigen Kälte musste ich in Bewegung bleiben. Des Weiteren wollte ich nicht im strömenden Regen anhalten und ich musste ohnehin meinen Zeltplatz vor der Dunkelheit erreichen. Meterdicke Baumstämme versperrten mir immer wieder den Weg.

Ich gelangte an einen Fluss, der aufgrund des Regens zu einer reißenden Gefahr wurde. Die Holzbrücke war eingestürzt. Irgendwann vor mir hatten Wanderer Äste als zusätzliche Tritthilfe über der gebrochenen Stelle platziert. Noch hielt die Brücke den vielen Tonnen Druck stand. Mit äußerster Vorsicht und Balance konnte ich das Hindernis unbeschadet überwinden. Ich hatte wohl einen Schutzengel da oben…

Mein Magen knurrte zornig, der Hunger holte mich ein. Ich ging jedoch unbeirrt weiter. Essen konnte ich abends immer noch. Ich passierte einige Zelte. Viele Wanderer hatten sich heute dazu entschieden den Regen auszusitzen. Ich war ein wenig neidisch, denn ich konnte mir das aus zeittechnischer Sicht nicht leisten. Und so ging es weiter. Der Wind peitschte kalt und erbarmungslos über die felsigen Landstriche.

Kurz vor Eintritt der Dunkelheit schaffte ich mein Tagesziel. Ich war stolz auf mich und meine Leistung. Ich zitterte vor Eiseskälte. Wasser war in alle möglichen Stellen meiner Kleidung vorgedrungen. Selbst meine Unterhose war betroffen. Noch nie hatte mich der Trail so sehr auf die Probe gestellt wie heute. Nach fast vier Monaten hatte ich jedoch eine gewisse Resilienz entwickelt und gelernt mich durchzubeißen, wenn es die Situation erforderte. Eine Qualität, die mir vielleicht später im Leben noch etwas nutzen könnte.

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