Tag 82

Trotz der Tatsache, dass wir erst gegen acht Uhr morgens aufbrachen, wollten wir uns heute ordentlich ins Zeug legen, um den gestrigen Tag etwas zu kompensieren. Der Trail verlief durch dichte Wälder. Ab und zu durchkämmten wir Lichtungen mit saftig grünen Wiesen, die von blühenden Blumen nur so übersät waren. Es leuchtete in allen erdenklichen Farben. Die Blüten schienen regelrecht im Wettstreit um die betörendste Ausführung ihrer Selbst zu stehen.

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Die zu überwindenden Höhenunterschiede waren kräftezehrend. Ständig ging es wieder nach oben, bis der Weg abfiel, nur um kurz darauf wieder von neuem an Höhe zu gewinnen. Ein ständiges und niemals enden wollendes Auf und Ab. Wenigstens wurde man für die Mühen teilweise belohnt. So eröffneten sich wundervolle Ausblicke auf tiefer liegende Wälder und teils verschneite Bergkuppen. Und auf Felsformationen, die Geschichte erzählten.

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Es gab heute eine Menge Wolken, die ab und an das Sonnenlicht schluckten. Nach etwa zehneinhalb Meilen machten wir eine Mittagspause. Diese währte allerdings kaum länger als dreißig Minuten, da wir heute noch weit kommen wollten. Ich deutete auf der Karte auf einen Platz in weiteren zehneinhalb Meilen und meinte, dass wir es wenigstens versuchen sollten. Und wir gingen weiter. Die teils steilen Hügel, die häufig unseren Weg kreuzten, machten die Sache nicht leichter. Doch Zero und ich packten die Sache am Schopf – wir zogen es durch.

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Sein Rucksack war sehr schwer, da er immer noch seinen Bärenkanister und die Microspikes trug, denen ich bereits in der letzten Stadt entsagt hatte. Also musste er ab und zu seinen Rucksack absetzen. Diese Pausen nutzte ich meistens um Wasser zu trinken.

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Gegen Abend wurde die Landschaft offener und vor allem windiger. Wir trafen unterwegs unverhofft auf Ms. Frizzle, die am Wegesrand auf dem Rücken liegend die Wolken beobachtete. Wir unterhielten uns kurz und verabschiedeten uns dann. Ich bin schon oft mit ihr in der Wüste gewandert, daher kannte ich sie. Als wir merkten, dass wir kaum noch zu Trinken hatten, wollten wir an der nächsten Wasserstelle unsere Vorräte auffüllen. Leider war der Strom dort schon lange versiegt. So mussten wir noch eine halbe Meile bergauf weitergehen. Dort gab es endlich Wasser, aber auch Moskitos, die blutrünstig auf mich flogen. Allerdings hatte ich da schon deutlich heftigere Sachen durchlebt.

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Ms. Frizzle holte uns am Ende des Tages unerwartet ein. Sie sagte, dass das Alleinsein auf Dauer keinen Spaß mache. Da musste ich ihr zustimmen. Wir zelteten zu dritt an einem kleinen aber sehr idyllischen See. Während wir aßen und uns unterhielten, kam ein großes Reh plötzlich aus dem Dickicht und schaute uns irritiert, aber auch neugierig an. Ich schaute voller Faszination zurück. Das Reh schien es sich kurz darauf anders überlegt zu haben und rannte weg.

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Ich konnte die heutigen einundzwanzig Meilen sehr deutlich in meinen Muskeln spüren. Sie waren steif und taten etwas weh. Die Müdigkeit holte mich unverwandt ein und zerrte mich in das dunkle Reich der Träume. Ein Frosch begleitete mich mit seinem leisen Quaken.

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