Tag 99

Der Morgen startete ganz unverblümt mit einem ordentlichen Marsch bergauf. Mein Essensvorrat verschwand zusehends, denn ich war kurz vor Chester, meinem nächsten Halt. Die wenigen Haferflocken, die ich morgens mit meinen restlichen Goji Beeren vermischte, reichten für mein Verständnis eines ordentlichen Frühstücks nicht aus. Ich verwarf den Gedanken mir einfach noch meinen Reis, den bisher ganz konsequent ignoriert hatte, zu kochen. Das hätte einfach zu lange gedauert. Durch die fehlenden Kalorien fühlte ich mich schwach auf den Beinen und mir war sogar etwas schwummrig im Kopf.

Nichtsdestotrotz hatte ich ja noch ein paar Stunden, um meinem Hörbuch zu lauschen. Das lenkte mich etwas ab. Der Trail, der sich anscheinend unsterblich in den Wald verliebt hatte, führte umringt von Bäumen weiter und weiter aufwärts. Unterwegs sah ich ein Wespennest, dass an einem Stamm festklebte. Die Tiere waren friedfertig und ich konnte ihnen fasziniert bei ihrer Arbeit zuschauen. Und etwas später kam der große Moment. Der Mittelpunkt des Trails: der ‚PCT Midpoint‘ war erreicht. Dort stand sogar ein kleines Monument. 1325 Meilen lagen bereits hinter mir, mehr als 2000 Kilometer Wildnis. Wahnsinn! Das hatte seine Spuren hinterlassen. Nachdem ich mir eines der Bilder ansah, die Honeybuns von mir und dem Monument gemacht hatte, musste ich erst einmal schlucken. Die Person dort auf dem Foto sah aus, als wäre sie für geraume Zeit im Wald verloren gegangen. Langer, wilder Bart, noch längere etwas verfilzte Haare, dunkelbraune Haut und staubige Beine. Ein waschechter ungewaschener Fernwanderer. Nein, Abenteurer! Zur Feier des Tages (und weil mein Magen es so wollte) machte ich mir noch ein paar Spaghetti. Dazu gab es Salz, also eine sehr nahrhafte Mahlzeit. 😉

Die restlichen acht Meilen bis zur Straße vergingen wie im Flug. Naja, fast. Am Ende war es so erdrückend heiß, dass ich stöhnte und mir nichts sehnlicher als eine Dusche wünschte. Der Pfad war sehr staubig. Ich kam mir vor, als wäre ich zurück in die Wüste verbannt worden. Als ich endlich an den heißen Asphalt kam, versuchte ich zunächst vergeblich zu Trampen. Es kamen massig Autos vorbei, doch kein Fahrer hielt es für nötig anzuhalten. Die Sonne knallte unterdessen weiter. Es kam noch ein Wanderer mit dem etwas seltsamen Namen ‚Rabbit Rabbit‘ (ja, zweimal) vorbei. Er versuchte gleich mitzumachen. Doch selbst zusammen brauchten wir noch weitere zwanzig oder dreißig Minuten, bis ein schwarzer Pick-Up Truck hielt und uns eine sehr nette Frau mitnahm. Im letzten Moment vor der Abfahrt stieß Honeybuns zu uns. Der Glückspilz.

Die Frau (Name ist mir entfallen) hatte eine wirklich sonnige Ausstrahlung. Nach all den Grübeleien und Strapazen der letzten Tage munterte sie mich richtig auf. Sie zeigte uns alles Wichtige in der Stadt und ließ uns schließlich an einer Kirche aussteigen. Diese war für ihre hikerfreundliche Atmosphäre bekannt. Hinter dem weißen Holzgebäude durfte man gratis (oder für eine kleine Spende) zelten. Es gab außerdem ein großes Zelt mit Steckdosen zum Aufladen, eine Außentoilette und Mülltonnen. Ich war dermaßen froh endlich hier zu sein.

Die letzten Tage hatte ich viel über das Wandern und darüber, wie es damit weitergehen sollte, nachgedacht. Ich war hin- und hergerissen. Da ich definitiv nicht den ganzen Trail dieses Jahr wandern kann, musste ich mich entscheiden. Es gab zwei sinnvolle Optionen. Nummer eins: den Trail ab hier für mich beenden und zurück nach Deutschland fliegen. Nummer zwei: noch so viel vom Trail wandern, wie mir in der restlichen Zeit möglich wäre. Meine Deadline fiel auf Ende September. Ich rechnete etwas herum und kam zu dem Schluss, dass ich den Staat Washington (505 Meilen) in einem knappen Monat schaffen könnte. Das wäre zwar etwas ambitioniert, doch ich hatte schon ordentlich Kondition aufgebaut. Da viele meinten, dass Washington sehr schön sein soll, entschied ich mich vorläufig für das Weiterwandern. Ich hoffte nur, dass mein Geld reichen würde. Doch wer nicht wagt, der hat schon verloren, wie es so schön heißt. Und wann ist man schonmal wieder in den Vereinigten Staaten?

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