Die Temperatur lag morgens im absoluten Wohlfühlbereich. Das konnte an der Höhe liegen, die gerade einmal fünfzig Meter über dem Meeresspiegel betrug. Ich ging gleich als Erstes duschen. Leider konnte man die Temperatur nicht einstellen und so war ich gezwungen mich warm zu waschen, was an sich auch nicht weiter schlimm war. Für fünf Dollar die Nacht ein sehr faires Angebot. Zero brauchte länger als ich. Viel länger, denn als ich schon gefrühstückt und meine Sachen gepackt hatte, saß er noch müde auf der Bank. Ich verabschiedete mich schonmal, denn ich wollte nicht allzu spät loslegen. Nach etwa zehn Minuten sah ich die unter Fernwanderern berühmte Brücke, welche die Staaten Oregon und Washington miteinander verbindet. ‚The Bridge of the Gods‘ (die Brücke der Götter). Eigentlich war das Teil gar nicht so aufregend. Doch sie symbolisierte den Übergang in den letzten Staat des PCT und damit den finalen Abschnitt der Reise.


Da man die Brücke auf der Straße überqueren musste, entschied ich mich dazu, auf Zero zu warten. Der Verkehr war nicht ganz Ohne. Als wir dann losmarschierten, liefen wir wie vorgeschrieben am linken Rand. Die Autos fuhren währenddessen munter an uns vorbei. Unter mir floss der Columbian River. Ich konnte tief auf die strömenden Wassermassen unter meinen Füßen hinabblicken . Das war schon ein seltsames Gefühl. Auf der anderen Seite prangte ein großes Banner mit der Aufschrift Washington. Da war ich nun also.

Der Trail startete keine zweihundert Meter rechts der Straße. Washington begrüßte uns mit einem Marsch bergauf. Ich hatte allerdings einige Tage Pause gehabt und war gut ausgeruht. Unterwegs hielt ich an um von den wilden Brombeeren zu naschen. Sie schmeckten himmlisch süß. Trotz der immer noch brütenden Hitze und Trockenheit wuchs hier Busch an Busch. Zero hielt nach drei Meilen an, er wollte etwas frühstücken. Da es jedoch schon nach zehn Uhr war, trennten wir uns vorläufig. Mein Stichtag ist der 21. September, mein Flug geht zwei Tage darauf von Vancouver zurück nach Deutschland. Also musste ich etwas mehr daran denken Strecke zu machen, um den fünfhundert Meilen langen Staat rechtzeitig abzuschließen.


Was mir jetzt schon besonders gefiel, war die üppige Vegetation hier im Wald. Anders als in Nordkalifornien wirkte alles rund um grüner. Als ich die eintausend Höhenmeter überwand, setzte der Wald noch einen drauf. Farne wucherten regelrecht von beiden Seiten über den Trail. Grüne Moose bedeckten die Äste, Zweige und Stämme der Bäume. Überall waren Beerenbüsche zu sehen. Am meisten sah ich die ‚Oregon Grape‘, also blaue Beeren, die eher sauer und leicht bitter schmeckten. Durch meine Recherchen konnte ich allerdings herausfinden, dass sie reich an Vitamin C sind. Also aß ich hier und da eine Handvoll.


Es wurde dunkler und dunkler, der Wald verwandelte sich langsam in ein Gruselkabinett. Gegen Ende rannte ich beinahe, um noch vor der Finsternis an den Fluss zu gelangen, wo ich zelten wollte. Dort angekommen waren schon drei andere Wanderer vor Ort. Zwei waren in Richtung Norden und der Dritte in Richtung Süden unterwegs. Wenigstens musste ich nicht allein übernachten. Aus Zeitgründen baute ich mein Zelt erst gar nicht auf. Cowboycamping!

Ich erwachte um Mitternacht. Wasser tropfte mir ins Gesicht. Es begann langsam zu regnen, also schlug ich doch noch schnell mein Zelt auf. Ich hoffte, dass meine Elektronik nicht nass geworden war. Etwa zwanzig Minuten später, ich lag schon wieder in meinem Schlafsack, begann es richtig zu prasseln. Zum Glück hatte ich jetzt ein Dach über dem Kopf. Beruhigt schlief ich ein.