Tag 104

Noch immer prasselte der Regen auf das Dach meines Zeltes. Meine Hoffnungen auf einen halbwegs trockenen Morgen schwanden vollends. Daher schlief ich einfach noch etwas länger. Als ich etwa eine Stunde später fast soweit war aufzubrechen, wurde einer der Anderen von einer wütenden Biene verfolgt. Er konnte sie gerade so abschütteln. Wir vermuteten, dass er sein Zelt in der Nähe eines Nestes aufgeschlagen hatte. Er machte sich daraufhin auf die Spur, ich ging kurz danach ebenfalls los. Allerdings ging ich nach Norden, während er südwärts unterwegs war.

Der Regen hatte sich zu einem hin und wieder auftretenden Niesel verwandelt. Die Luftfeuchtigkeit war erschreckend hoch. Schweiß tropfte an mir herab und lief meine Arme hinunter. Es dauerte nicht lang, bis mein Shirt komplett durchnässt war. Alles an mir wurde binnen Minuten feucht. Ich fühlte mich sehr unwohl. So zu wandern machte mir einfach gar keinen Spaß.

Den Tieren schien es zumindest gut zu gehen. Ich wäre beinahe auf so eine Art Gecko oder Lurch getreten. Er lief wie in Zeitlupe über den Trail. Mit seinem erdbraunen Rücken war er über der Erde beinahe perfekt getarnt. Ich setzte ihn behutsam auf eine sichere Seite. Der kleine Kerl war fast schon zutraulich und ließ sich sogar auf die Hand nehmen. Als ich mich vergewissert hatte, dass er sicher war, machte ich weiter.

Irgendwann bemerkte ich die mich einhüllende Nässe gar nicht mehr. Doch jedes Mal, als ich das feststellte, spürte ich sie eben doch wieder. Das war ein Motivationskiller ohnegleichen. An einem alten Waldweg machte ich Halt und aß zu Mittag. Ich hatte erst sechs Meilen geschafft, doch mein Magen meinte, da gäbe es etwas Dringendes zu erledigen. Beim Essen lernte ich ‚Nirvana‘ und einen anderen Wanderer kennen. Die Zwei schienen vom ersten Eindruck her korrekte Burschen zu sein. Vielleicht würde ich ja neue Freundschaften schließen. Zumindest hatte ich nichts dagegen. Als ich wieder allein war und die Beiden weg waren, überkam mich eine echte Müdigkeitsattacke. Ich schlief bestimmt fast eine Stunde, obwohl ich wusste, dass ich mir das zeitlich kaum leisten konnte.

Die Wolken lockerten sich etwas später auf und ich konnte wieder Fetzen blauen Himmels sehen! Doch das Wetter blieb sehr unbeständig. An einer Brücke kam ein kräftiger Schauer. Ich war dem Regen und der ganzen Feuchtigkeit schon jetzt überdrüssig. Gegen Abend erreichte ich einen Fluss mit Zeltplätzen. Dort kampierte bereits ‚Caterpillar‘ aus Österreich. Sie hatte kurze Haare und war ganz nett. Kurz darauf kam auch einer von den Wanderern vorbei, die ich beim Mittagessen kennengelernt hatte. Er erzählte uns von einem tragischen Vorfall. In der Nähe von Trout Lake soll vorgestern ein Deutscher von einem Baum erschlagen und getötet worden sein. Und Trout Lake war zufällig gerade in meiner Nähe. Spätere Recherchen ergaben, dass der Achtundzwanzig-Jährige noch am Unfallort verstarb. Das jagte mir einen ziemlichen Schrecken ein. Die Wahrscheinlichkeit von einem Koloss aus Holz und Rinde erschlagen zu werden ist zwar nicht gerade hoch, jedoch auch nicht gleich null. Ich versuchte an etwas anderes zu denken, was mir recht schwer fiel. Es hätte jeden treffen können, so auch mich. Ich hoffte, dass das Wetter morgen besser werden würde. Wie viel Feuchtigkeit ich am Stück ertragen konnte, wusste ich nicht.

Hinterlasse einen Kommentar