Tag 122

Morgens begleitete mich mal wieder das alte Lied von Kälte und Nässe. Ich streifte mir die feuchten Socken über die Füße und zog die Schuhe darüber. Auf in ein neues Abenteuer!

Während ich durch die felsige Landschaft wanderte, fing es gleichmäßig zu regnen an. Also wieder einmal ein ganz normaler Tag in Washington. Meine Motivation war auf einem nie dagewesenen Tief und ich musste aufpassen nicht in eine Depression zu verfallen. Gestern hatte es in höheren Lagen geschneit. Die Gipfel gegenüberliegender Berge sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.

Gegen Mittag durchwanderte ich ein Gebiet, in dem es früher einmal gebrannt hatte. Die Vegetation holte sich das Land bereits langsam wieder. Junge grüne Pflanzen wuchsen zwischen schwarz verkohlten Bäumen. Leben und Tot – Seite an Seite.

Pilze zersetzten allmählich diesen verkohlten Baum

Nachmittags erreichte ich endlich die Straße nach Stehekin. Zu meiner Überraschung traf ich wieder auf Gummibear. Trotz der Tatsache, dass wir uns immer wieder aus den Augen verloren, waren wir doch nie ganz getrennt voneinander. Wir hatten das selbe Ziel, den selben Weg, die selben Schwierigkeiten. Gemeinsam mit ein paar weiteren Wanderern warteten wir auf den Bus.

Mir gefiel die knallrote Farbe und das gebogene Heck. Die Fahrt dauerte recht lang und ich konnte spüren, wie die Feuchtigkeit langsam aus meiner nassen Kleidung zu kondensieren anfing. Feuchte Wäsche gibt beim Trocknen diesen speziellen Geruch ab.

Ich war erleichtert wieder in ein Stück Zivilisation zurückzukehren. Als Erstes holte ich meine letzte Essensbox von der Post ab. Man verlangte eine nicht gerade geringe Gebühr aufgrund der schwierigen Transportbedingungen. Der Pacific Crest Trail verläuft nun mal die meiste Zeit über in sehr wildem Gelände, fernab der Städte und Towns.

Dieses Mal hatte ich keine Unterkunft. Die Apartments waren entweder viel zu teuer oder ausgebucht. Es gab ein öffentliches Waschhaus in der Nähe. Gummibear und ich nutzten das kleine Etablissement als Rückzugsmöglichkeit vor dem Regen, der draußen sein böses Spiel trieb. Ich nutzte die Gunst der Stunde und wusch meine Socken aus. Unglaublich wie viel Dreck sich dort ansammeln konnte! Dann kam mir die Idee des Tages. Ich setzte mich auf den Trockner nebenan und ließ warmes Wasser in das Waschbecken ein. Dort saß ich dann, die Füße im Wasser und die Hände über dem Kopf verschränkt. Ein seliges Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Das war wohl mit Abstand das beste Fußbad meines Lebens!

Wir schauten uns später noch ein wenig im Ort um. Viel gab es nicht zu sehen, doch ich fand eine Hikerbox. Dort hinterließen Wanderer verschiedene Dinge, die sie nicht mehr wollten oder brauchten. Jeder konnte sich frei bedienen oder Neues dazutun. Ich fand einen Löffel aus Titanium. Mir war vor wenigen Tagen mein alter Titanlöffel abhanden gekommen. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Ich war über die schönen kleinen Geschenke des heutigen Tages so unendlich dankbar. 🙂

Wir hatten noch immer keine Idee, wie wir die Nacht verbringen wollten. Aufgrund des Regens hatten wir keine Lust zu zelten. Wir fanden ein „PCT Haus“, anscheinend eine Art Aufenthaltsmöglichkeit für Wanderer. Drinnen bestand alles aus tristem Beton und kalten Mauern, dennoch entschieden wir uns dazu hier zu übernachten. Mäuse rannten umher. Sie suchten wohl genauso Schutz wie wir. Eigentlich war es verboten hier zu schlafen. Doch was blieb uns für eine Wahl? Die Wolken platzten gerade aus allen Nähten.

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